Johann Wolfgang von Goethe

1      EINLEITUNG

Goethe, Johann Wolfgang von (1749-1832), Dichter, Kritiker und Naturforscher. Goethe ist die bis heute bedeutendste Gestalt der deutschen Literatur, die nicht nur innerhalb ihrer Epoche von großem Einfluss war und ihr den Namen gab (Goethezeit), sondern darüber hinaus für folgende Generationen zum Inbegriff deutscher Geistigkeit wurde. Mit der Tragödie Faust schuf Goethe das zentrale Werk der nationalen Dichtung und ein Menschheitsdrama von zeitloser Gültigkeit und weltliterarischem Rang.

Ein Bild von Goethe im zweiten drittel seines Lebens.

2      BIOGRAPHIE  

1    Jugend- und Studienjahre (1749-1771)

Goethe wurde am 28. August 1749 als Sohn des Juristen und Stadtschultheißen Johann Caspar Goethe (1710-1782) und seiner Frau Katharina Elisabeth (geb. Textor, 1731-1808) in Frankfurt/Main geboren. Der Vater entstammte thüringischen Handwerkerkreisen, die Mutter einer rheinfränkischen, seit mehreren Generationen in Frankfurt ansässigen Beamtenfamilie. Von den fünf Geschwistern überlebte nur Cornelia (1750-1777), mit der er in einem engen Verhältnis stand, das Kindesalter.

Goethe wuchs in einem vermögenden und kultivierten Elternhaus auf und erhielt Privatunterricht von Hauslehrern. In seiner Jugend, die er später eindringlich in der Autobiographie Dichtung und Wahrheit schilderte, wurde er Augenzeuge bedeutender historischer Ereignisse, wie der Unruhen des Siebenjährigen Krieges (Besetzung der Stadt 1759) und der Krönungsfeierlichkeiten für Joseph. II. (1764). Bereits in frühen Jahren traten die intellektuellen, dichterischen und schauspielerischen Begabungen Goethes hervor, der jedoch auf Wunsch des Vaters die juristische Laufbahn einschlug und 1765 bis 1768 in Leipzig Rechtswissenschaften studierte. In philosophischen und literaturgeschichtlichen Vorlesungen (u. a. bei Christian Fürchtegott Gellert und Johann Christoph Gottsched) kam er außerdem mit Gedankengut und Poetik der Aufklärung und Empfindsamkeit (Lessing, Klopstock) in Berührung und nahm Unterricht bei Adam Friedrich Oeser, dem Leiter der örtlichen Zeichenakademie und Freund Johann Joachim Winckelmanns.

Die Leipziger Studienjahre, in die seine erste wichtige erotische Begegnung (mit Käthchen Schönkopf, der Tochter seiner Wirtsleute) und die Entstehung mehrerer Gedichte (Annette-Lieder, 1767) sowie des Schäferspiels Die Laune des Verliebten (1767-1768, gedruckt 1806) fielen, endeten mit einer lebensbedrohlichen Krankheit, die die Rückkehr ins Elternhaus erzwang. Während seiner durch Rückfälle verzögerten Genesung geriet Goethe unter den Einfluss der Stiftsdame Susanna Katharina von Klettenberg, einer Freundin seiner Mutter, die ihn zur Beschäftigung mit dem Pietismus anregte. In dieser von religiös-mystischer Lektüre (Paracelsus u. a.) dominierten Phase betrieb er auch alchimistische Experimente und porträtierte seine Mentorin später einfühlsam im sechsten Kapitel des Bildungsromans Wilhelm Meisters Lehrjahre (Bekenntnisse einer schönen Seele). 1770 erschienen seine ersten Gedichte in Buchform (vertont von Bernhard Christoph Breitkopf, unter dem Titel Neue Lieder).

Im selben Jahr übersiedelte er nach Straßburg, wo er seine juristischen Studien wieder aufnahm und 1771 zum Lizenziaten der Rechte promovierte. Während des Straßburger Aufenthaltes wurde er mit Johann Gottfried von Herder, Johann Heinrich Jung-Stilling und Jakob Michael Reinhold Lenz bekannt und beschäftigte sich mit den Schriften Jean-Jacques Rousseaus sowie den Dichtungen Homers, Pindars, Shakespeares und Ossians. Bedeutend wurde neben den persönlichen Beziehungen zu Vertretern des Sturm und Drang die Begegnung mit der gotischen Architektur, unter deren Eindruck die programmatische Schrift Von deutscher Baukunst (1772 Einzeldruck, 1773 in Herders Sammlung Von Deutscher Art und Kunst) entstand. Starken Nachhall in der Lyrik dieser Periode fand das Liebesverhältnis mit der Pfarrerstochter Friederike Brion, der er zahlreiche Lieder widmete („Mailied”, „Willkommen und Abschied”, „Heidenröslein”).

2    Die Geniezeit: Sturm und Drang (1771-1775)

Im August 1771 eröffnete Goethe eine Kanzlei in Frankfurt, beschränkte jedoch bewusst seine juristischen Geschäfte, um Zeit für die Vollendung der in Straßburg begonnenen dichterischen Versuche zu gewinnen, darunter die Urfassung des Götz-Dramas (Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand, gedruckt 1832). 1772 begann seine eigentliche schriftstellerische Laufbahn als Rezensent der Frankfurter Gelehrten Anzeigen, des bedeutendsten publizistischen Organs des Sturm und Drang. Im Sommer desselben Jahres ging er zum Abschluss der juristischen Ausbildung als Referendar an das Reichskammergericht in Wetzlar, wo die unerfüllte Liebe zu Charlotte Buff, der Braut eines Juristenkollegen, ihn zu seinem ersten Roman anregte. Die Leiden des jungen Werthers (1774, Neufassung 1787) stand in der Tradition des sentimentalen, von Naturschwärmerei und Liebessehnsucht geprägten englischen Romans der Epoche und begründete mit einem Schlag Goethes literarischen Ruhm. Neben diesem Sensationserfolg entstanden Hymnendichtungen in freien Rhythmen („Wanderers Sturmlied”, „Prometheus”, „Ganymed”, „An Schwager Kronos”) und Entwürfe zu den Dramen Faust (Urfaust), Mahomet und Prometheus, Clavigo und Egmont. Wie viele seiner geniebegeisterten Weggefährten orientierte sich Goethe in seiner dramatischen Produktion an den Werken Shakespeares, dem er die (erst 1854 gedruckte) Rede Zum Schäkespears Tag widmete.

Auf verschiedenen Reisen trat Goethe mit prominenten Zeitgenossen wie Johann Caspar Lavater, Wilhelm Heinse und den Brüdern Jacobi in Verbindung und gewann in Maximiliane, der Tochter der Schriftstellerin Sophie von La Roche und späteren Mutter von Bettina und Clemens Brentano, eine neue Vertraute. Problematisch verlief seine Liebesbeziehung zu der Offenbacher Bankierstochter Lili Schönemann. Er suchte der bedrängenden Situation auf einer Reise in die Schweiz zu entfliehen und löste 1775 schließlich die im Vorjahr eingegangene Verlobung. Das erotische Erlebnis fand erneut ein vielfältiges Echo im dichterischen Werk („Neue Liebe, neues Leben”, „An Belinden”, „Wonne der Wehmut”, „Lilis Park”, „Auf dem See”, „Herbstgefühl”).

3    Das erste Weimarer Jahrzehnt (1775-1786)

1775 übersiedelte Goethe auf Einladung des jungen Herzogs Karl August nach Weimar. Die sächsische Residenzstadt genoss damals bereits einen Ruf als „Musenhof”, an dem die Herzogin Anna Amalia bedeutende Persönlichkeiten des deutschen Geisteslebens vereint hatte, darunter Christoph Martin Wieland als Erzieher ihres Sohnes. Ferner wirkten dort die Schriftsteller Karl Ludwig von Knebel, Johann Christian Bertuch und Johann Karl August Musäus sowie die Komponisten Friedrich Hildebrand von Einsiedel und Karl Siegmund Freiherr von Seckendorff. In literarischen Gesprächsrunden, musikalischen Zirkeln und dergleichen bot sich dort ein Begegnungsfeld des aufgeklärten Adels mit dem gebildeten Bürgertum, das in dieser Art einmalig in Deutschland war. Nach der Ankunft Goethes, der rasch zum hohen Staatsbeamten aufrückte (1776 Geheimer Legationsrat, 1779 Geheimer Rat, 1782 Leiter der Finanzkammer), sollte sich die künstlerisch-wissenschaftliche Geselligkeit der Stadt umso reicher entfalten. Das 1782 bezogene Haus am Frauenplan wurde zu einem Anziehungspunkt auch für eine lange Reihe teils prominenter auswärtiger Besucher.

Goethes nach anfänglichen Vorbehalten gefasster Entschluss, in Weimar zu bleiben, wurde nicht zuletzt durch seine Bekanntschaft mit Charlotte von Stein gefördert, die ihm in den folgenden Jahrzehnten eine enge Vertraute wurde und oftmals in dienstlichen Angelegenheiten zwischen ihm und dem Herzog vermittelte. Der Kreis seiner Pflichten mehrte sich beständig, so übernahm er u. a. die Oberaufsicht über den Ilmenauer Bergbau, der sein Interesse an mineralogischen und anderen naturwissenschaftlichen Studien wieder aufleben ließ (Versuch, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären, 1790). Während sein Schauspiel Stella (1776), das seine Beziehung zu Lili Schönemann literarisch reflektierte, noch deutlich von der Poetik des Sturm und Drang geprägt war, wurde allmählich das klassische Stilideal zum beherrschenden Prinzip seiner Dichtung. Nicht zuletzt unter dem Einfluss der entsagungsvollen Liebe zu Charlotte von Stein und des lange betrauerten Todes der Schwester Cornelia (1777) löste sich Goethe vom rigorosen Subjektivismus seiner Jugend und setzte an seine Stelle das Ziel einer gemeinschaftsdienlichen Humanität. In Aussage und Form wurde dies erstmals in seinem Drama Iphigenie auf Tauris (Prosafassung 1779, Neufassung in Blankversen 1787), einer Bearbeitung des antiken Tantalidenmythos, deutlich. Im Zentrum seiner dramatischen Dichtung stand der Konflikt von individueller Daseinsgestaltung und geschichtlicher Notwendigkeit (Egmont, 1788) sowie die problematische Existenz des Künstlers in der sozialen Hierarchie (Torquato Tasso, vollendet 1789). In der Abgeschiedenheit des bis 1782 bewohnten Gartenhauses, auf Wanderungen und häufigen Dienstreisen mit dem Herzog (u. a. 1778 nach Berlin) entstanden zahlreiche Gedichte, vornehmlich Naturlyrik, darunter „Harzreise im Winter”, „Wanderers Nachtlied”, „Ilmenau” und sein wohl bekanntestes Gedicht „Über allen Gipfeln ist Ruh” sowie verschiedene Balladen („Erlkönig”). Außerdem trieb Goethe die Arbeit am Faust und an Wilhelm Meisters theatralischer Sendung (begonnen 1777, vollendet 1785) voran.

4    Italienische Reise und Rückkehr nach Weimar (1786-1793)

Im Herbst 1786 brach Goethe, der die Last der dienstlichen und höfischen Verpflichtungen trotz fruchtbarer persönlicher Beziehungen (u. a. zu Herder und Knebel, mit dem er botanische Studien trieb) immer drückender empfand, zu einer Bildungs- und Erholungsreise nach Italien auf. Die Umstände dieser ersten italienischen Reise (1786-1788) sind ausführlich in den für Charlotte von Stein geführten Tagebüchern dokumentiert, die ihm drei Jahrzehnte später als Quelle seiner autobiographischen Schrift Die Italienische Reise (1816/17) dienten. Der Weg des Dichters, der inkognito als „Maler Möller” reiste, führte zunächst über den Gardasee (Torbole, Malcesine) und Verona nach Vicenza, wo er die Bauten Andrea Palladios bewunderte. Nach kurzen Aufenthalten in Padua, Venedig, Bologna und Florenz erreichte er im Oktober Rom, sein eigentliches Ziel. Er nahm dort Quartier bei dem ihm bekannten Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, der mit Goethe in der Campagna (1786-1788, Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt) eines seiner berühmtesten Porträts schuf, und knüpfte Beziehungen zu zahlreichen deutschen Künstlern, wie dem Dichter Karl Philipp Moritz und dem Landschaftsmaler Philipp Hackert. Eine enge Freundschaft verband ihn auch mit der Malerin Angelica Kauffmann.

Während des gesamten Italienaufenthaltes, den er hauptsächlich in Rom verbrachte, war Goethe neben seinen literarischen Projekten (Egmont, Tasso, Faust, Iphigenie) mit Studien der antiken Bildhauerkunst und der Vervollkommnung seiner zeichnerischen Fähigkeiten beschäftigt. Das südliche Klima, die reichen Kunstschätze und das freie Ausleben seiner künstlerischen Neigungen ließen Goethe diese Reise als „Wiedergeburt” und „sonderbare Hauptepoche” seines Lebens erfahren. Unmittelbare literarische Frucht trug sie in den 1788 bis 1790 entstandenen Römischen Elegien (gedruckt 1795), einer geistreichen Auseinandersetzung mit der antiken Liebesdichtung (Tibull, Properz und Catull) und einer Abhandlung über den Römischen Carneval (1788).

Nach seiner Rückkehr nach Weimar im Juni 1788 übernahm Goethe die Leitung des „Freien Zeichen-Institutes”, wurde aber ansonsten – abgesehen von der Direktion der Ilmenauer Bergwerke – auf eigenen Wunsch von allen anderen Ämtern entbunden (ab 1791 Oberdirektion des Hoftheaters). Kurz darauf lernte er seine künftige Lebensgefährtin Christiane Vulpius (1765-1816) kennen. Die Verbindung mit der in ärmlichen Verhältnissen lebenden Vollwaisen stieß in der standesbewussten Hofgesellschaft auf Ablehnung und trübte vorübergehend das Verhältnis zu Charlotte von Stein. Im selben Jahr kam es in Rudolstadt zur ersten Begegnung mit Friedrich von Schiller, dem Goethe eine Professur in Jena vermittelte, ansonsten aber reserviert gegenübertrat. 1790 veröffentlichte er die abgeschlossene Erstfassung des Faust (Faust. Ein Fragment) und reiste erneut nach Italien, um die Herzoginmutter Anna Amalia von dort nach Weimar zurückzubegleiten. Diese zweite Italienreise (Bozen, Verona, Venedig) stand im Zeichen ausgiebiger Kunst- und Naturstudien und war belastet von der zeitweiligen Trennung von Christiane und dem im Vorjahr geborenen Sohn August. Die Anna Amalia gewidmeten Venetianischen Epigramme (1795 in Schillers Zeitschrift Die Horen) ließen zudem ein deutlich skeptischeres Italienbild aufscheinen. In diesen Epigrammen beschäftigte sich Goethe u. a. mit dem Zeithintergrund der Französischen Revolution (1789), der er zutiefst ablehnend gegenüberstand. 1792 erlebte er als Begleiter Karl Augusts den 1. Koalitionskrieg (1792-1797) der Österreicher und Preußen gegen die Franzosen und wurde Augenzeuge der Kanonade von Valmy. Die Ereignisse schilderte er später aus der Distanz von drei Jahrzehnten in Die Campagne in Frankreich 1792. Goethe war nach eigener Aussage bewusst, dass hier „eine neue Epoche der Weltgeschichte” anbrach, mit der er sich auch in dramatischer Form kritisch auseinander setzte, wie in Der Bürgergeneral (1793) und dem – auf die Person Cagliostros bezogenen – Schauspiel Der Groß-Kophta (1792). In dem Versepos Reinecke Fuchs (1794) wandelte Goethe die implizite Feudalismuskritik der Vorlagen (niederdeutscher Text aus dem Jahr 1498 und Gottscheds Prosaübertragung) in eine zeitlose Satire über menschliche Schwächen um. Ende 1793 begann eine fünf Jahre andauernde Phase intensiver Homer-Studien, während der er Teile der Ilias und Odyssee übersetzte.

5    Das Jahrzehnt mit Schiller (1794-1805)

Mitte 1794 gewann Schiller Goethe als Mitarbeiter für die geplante Zeitschrift Die Horen. Mit einer schriftlichen Anfrage in dieser Sache setzte der schließlich über ein Jahrzehnt geführte Briefwechsel ein. Die entscheidende Begegnung vollzog sich im Anschluss an eine Tagung der Jenaer „Naturforschenden Gesellschaft” am 20. Juli. Schiller war fortan ein häufiger Gast in Goethes Haus und übersiedelte 1799 ganz nach Weimar. Das gemeinsame Wirken erstreckte sich künftig auf gegenseitige Beratung bei programmatischen Schriften, wie Schillers Brieffolge Über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts, und literarischen Projekten, wie Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96). Goethe wurde zudem regelmäßiger Beiträger der Horen, und er wurde von Schiller zur Vollendung des ersten Teils des Faust gedrängt. Die Horen ernteten ein spöttisches Echo der literarischen Kritik, die ebendort in dem Aufsatz Literarischer Sansculottismus mit scharfer Polemik bedacht worden war. Herausgeber und Autor antworteten mit den gemeinsam verfassten Xenien (Spottverse), die auszugsweise 1796 in Schillers Musenalmanach für das Jahr 1797 erschienen und erneut einen Eklat provozierten. In beständigem Austausch mit Schiller entstand Goethes Hexameterepos Hermann und Dorothea (1797), in dem er die Welt des zeitgenössischen Bürgertums im Rückgriff auf antike Muster (Homer) darstellte.

In der Zusammenarbeit der beiden Dichter entwickelte sich der an Antike und Renaissance orientierte Stil der „Weimarer Klassik”, wobei Goethe die Objektivität der wissenschaftlichen Naturbetrachtung einbrachte, Schiller dagegen die kritische Sittlichkeitslehre Kants. Ausführlich befassten sich beide mit der Theorie der literarischen Gattungen (Über epische und dramatische Dichtung. Von Goethe und Schiller, 1797), u. a. mit der Ballade. Der Musenalmanach für das Jahr 1798 enthielt neben Schillers (von Goethe angeregter) Ballade „Die Kraniche des Ibykus” fünf weitere von Goethe: „Der Schatzgräber”, „Legende”, „Die Braut von Korinth”, „Der Gott und die Bajadere” und „Der Zauberlehrling”. Anlässlich einer Schweizreise (1797) erweckte der später von Schiller dramatisierte Tell-Stoff Goethes Interesse, und ab 1798 erschien seine Kunstzeitschrift Propyläen, unter der Mitarbeit von Schiller und Wilhelm von Humboldt. Dort wie auch in seinem Bildungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre folgte Goethe dem Ideal klassischer Humanität, in dem er mit Schiller weitgehend übereinstimmte.

Trotz des intensiver werdenden Gedankenaustausches mit dem Kreis der Jenaer Romantiker blieb Schiller die wichtigste Bezugsperson, und sein Tod im Mai 1805 bedeutete eine schmerzliche Zäsur im Leben Goethes. Der umfangreiche Briefwechsel der beiden Weggenossen bezeugt die Intensität der geistigen Beziehung und des freundschaftlichen Verhältnisses und zählt zu den eindrucksvollsten Zeugnissen dieser Art in der deutschen Literatur. Im Epilog zu Schillers Glocke (1805) setzte Goethe dem Verstorbenen ein einfühlsames literarisches Denkmal.

6    Die Auseinandersetzung mit der Romantik (1806-1814)

In den kommenden Jahren standen Karl Ludwig von Knebel und der Komponist Carl Friedrich Zelter Goethe persönlich nahe, zum wichtigsten geistigen Weggefährten wurde Wilhelm von Humboldt. Seine Haltung zu den Romantikern, wie den Brüdern August Wilhelm und Friedrich von Schlegel, blieb – ungeachtet seiner Parteinahme für den in Jena lehrenden Philosophen Johann Gottlieb Fichte im so genannten Atheismus-Streit – zwiespältig. Einerseits ließ er sich von Achim von Arnim und Clemens Brentano, den Herausgebern der (Goethe gewidmeten) Sammlung Des Knaben Wunderhorn (1806-1808) zur Beschäftigung mit der Volkspoesie und dem deutschen Mittelalter anregen, andererseits erschienen ihm manche romantische Tendenzen als reine „Narrenpossen”. Während er in seiner Schrift Winckelmann und sein Jahrhundert (1805) noch unentschieden zwischen einem normativen Klassizismus und romantischen Sichtweisen schwankte, versah er den 1812 vollendeten Aufsatz Letzte Kunstausstellung 1805 mit deutlichen Seitenhieben auf die Romantiker.

Diese wiederum zählten anfänglich zu den nachhaltigsten Verfechtern Goethes. Vor allem der Wilhelm Meister galt ihnen als Vollendung romantischer Dichtkunst und Lebensauffassung. Im Lauf der Zeit traten indessen die unterschiedlichen Standpunkte und der Generationsunterschied stärker zutage und führten schließlich zum Bruch. Zur glühenden Verehrerin Goethes wurde dagegen Bettina Brentano, die spätere Gattin Achims von Arnim, die 1807 erstmals mit ihm in Verbindung trat. Romantische Züge trug der in Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften (1809) gestaltete Konflikt von individuellem Lebensplan und sozialer Existenz sowie die dort vollzogene Problematisierung der bürgerlichen Ehe. Vorbild für die Gestalt der Ottilie war die junge Wilhelmine Herzlieb, die Pflegetochter des Jenaer Verlegers Frommann, zu der der Endfünfziger eine heftige Neigung fasste. 1806 hatte er seine langjährige Lebensgefährtin Christiane geheiratet (nachdem sie sein Leben und Gut vor marodierenden französischen Soldaten gerettet hatte).

1808 traf Goethe auf dem Erfurter Fürstenkongress mit der bedeutendsten zeitgenössischen Herrschergestalt, Napoleon I., zusammen. Im selben Jahr erschien der erste Teil des Faust (Faust: Eine Tragödie), 1811 der erste Band seiner Autobiographie Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit (weitere Teile 1812, 1814, 1831 und postum 1833), die die Jahre 1749 bis 1775 umfasste. Weitere Betätigungsfelder dieser Lebensphase waren Studien zur Farbenlehre und zur Kunst des Mittelalters, angeregt durch die Heidelberger Sammlungen der Brüder Boisserée. Regelmäßige Kuraufenthalte führten ihn nach Karlsbad und in andere böhmische Bäder, wo er neben der dichterischen Arbeit mineralogische Untersuchungen betrieb und gesellschaftliche Kontakte pflegte. 1812 kam es in Karlsbad zur persönlichen Begegnung mit Ludwig van Beethoven, der außer Vertonungen von Gedichten Goethes eine Ouvertüre zu Egmont komponiert hatte. 1813 starb die neben Goethe und Schiller wirkungsmächtigste Gestalt des Weimarer Geisteslebens, der Dichter Christoph Martin Wieland, dem Goethe einen respektvollen Nachruf widmete (Zum brüderlichen Andenken Wielands).

7    Die letzten Lebensjahrzehnte (1815-1832)

Von Mai bis Oktober 1815 unternahm Goethe eine ausgedehnte Reise durch das Rhein-, Main- und Neckargebiet, auf der er mit zahlreichen Persönlichkeiten des politischen und geistigen Lebens Bekanntschaft schloss (Freiherr vom Stein, Joseph von Görres, Wilhelm und Jakob Grimm, Johann Peter Hebel u. a.). Zum zentralen Ereignis wurde jedoch die Begegnung mit Marianne von Willemer, der Tochter eines Frankfurter Bankiers, die Goethes spontane Neigung leidenschaftlich erwiderte. Diese Liebe fand literarischen Niederschlag im Buch Suleika des West-östlichen Divan (1819, erweiterte Ausgabe 1827). Mehrere Gedichte stammen von Marianne und wurden von Goethe mit geringfügigen Änderungen übernommen. Die letzte Liebe des alternden Dichters galt der neunzehnjährigen Ulrike von Levetzow, die er 1823 in Marienbad kennen lernte („Marienbader Elegie”, 1827). Andere Meisterwerke seiner späten Lyrik waren die philosophischen Gedichte „Urworte. Orphisch” (1820), die „Paria-Trilogie” (1824) und die „Zahmen Xenien” (1827).

Mit fortschreitendem Alter zog sich Goethe vom literarischen Betrieb und vom Weimarer Gesellschaftsleben zurück (1827 Niederlegung der Hoftheaterleitung), widmete sich seiner umfangreichen naturkundlichen Sammlung und brachte eine Werkausgabe „letzter Hand” auf den Weg, die 1827 bis 1830 bei Cotta erschien. Das ausgehandelte Honorar, 60 000 Taler, belegte Goethes Ausnahmestellung in der zeitgenössischen Literatur (und darüber hinaus seinen Geschäftssinn). Außer verschiedenen autobiographischen Schriften und der 1828 verfassten Novelle standen Erzählprosa und Drama im Zeichen langfristiger Projekte. Der (gemäß seiner Weisung erst 1832 postum veröffentlichte) zweite Teil des Faust und die Fortsetzung des Wilhelm-Meister-Komplexes mit den Wanderjahren (begonnen 1807, erschienen 1821-1829) haben die offene Form sowie die Ereignis-, Stoff- und Motivfülle gemeinsam. Der Untertitel der Wanderjahre, Die Entsagenden, weist auf einen zentralen Gedanken beider Werke hin: die freiwillige Selbstbeschränkung des Individuums in der praktischen Tätigkeit für das Gemeinwesen.

Wichtige Begleiter der letzten Lebensjahre (Christiane starb 1816, August 1830) wurden neben der Schwiegertochter Ottilie seine Sekretäre Friedrich Wilhelm Riemer und Johann Peter Eckermann, der später seine Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens (1837-1848) herausgab. Zu den letzten Schriften gehören die Aufsätze Landschaftliche Malerei und Noch ein Wort für junge Dichter mit einer retrospektiven Selbsteinschätzung Goethes. Der letzte, wenige Tage vor seinem Tod diktierte Brief war an Wilhelm von Humboldt gerichtet und betraf mit dem Faust das literarische Thema, das ihn sein Leben lang fesselte. Goethe starb am 22. März 1832 in seinem Haus am Frauenplan und wurde an der Seite Schillers in der Weimarer Fürstengruft beigesetzt.

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