Bewegendes Schicksal - bewegender Unterricht

Der 13.12.2010 sollte ein ruhiger Montag werden. Doch nicht bei uns an der Schule. Ein Mann aus Sibirien sorgte für große Aufregung im Friedrich-Gymnasium in Luckenwalde. Aleksej Kochergin war auf der Suche nach seiner Vergangenheit mit einer Hand voll Fotos und alten Dokumenten. Er wollte seine frühere Liebe Veronika finden und sich richtig von ihr verabschieden, was vor 40 Jahren der KGB brutal zu verhindern wusste. Außerdem wollte er unbedingt auf dem russischen Ehrenfriedhof einen Kranz niederlegen, lagen doch hier Verwandte begraben. (MAZ berichtete)

Unsere Russischlehrerin, Frau Dr. Gudrun Seemann, kümmerte sich um ihn, organisierte Hilfe und brachte ihn schließlich auch mit in unseren Unterricht.

Er konnte nur ein paar Worte Deutsch, deshalb mussten wir all unsere noch bescheidenen Vokabelkenntnisse aktivieren, um mit ihm ins Gespräch zu kommen oder uns helfen lassen. Wir wollten so viel wissen. Alle waren gespannt und haben mitgemacht. Seine Geschichte konnten wir kaum glauben, daraus könnte man sicher einen Film machen.

Wir hatten ganz viele Fragen. Warum echte Freundschaften damals nicht gewollt waren. Wie das Leben in den sowjetischen Kasernen ablief und warum er erst jetzt nach Luckenwalde zurückgekommen ist. Alles beantwortete er mit Ruhe und Freundlichkeit. Er konnte mit Jugendlichen umgehen, ist er doch in seiner Heimat, Barnaul-Sibirien, Judoka und erfolgreicher Judo-Trainer für junge Menschen gewesen. Er beschwor uns geradezu, Sport zu treiben, gesund zu leben, keine Drogen zu nehmen und den Alkohol auch lieber zu meiden. Da in unserer Klasse viele Sportler sind, verstanden wir sofort, was er meinte. Er war so überrascht und begeistert, dass er aufsprang und in seiner schwarzen Anzughose einen astreinen Spagat im Klassenraum hinlegte. Nicht schlecht, staunten wir!

Und dann wollten wir doch wissen, ob seine Ehefrau von alldem wusste. Ja, sie wusste Bescheid und war mit seiner Reise einverstanden gewesen. Die erste Liebe würde immer die erste Liebe bleiben! Das hatte seine Frau, mit der er schon große Kinder hat, akzeptiert. Wir waren ganz schön angetan von diesen großen Gefühlen und jeder machte sich da wohl seine eigenen Gedanken. Solche Grundsätze!Der Montag war also voller Aufregung, so sollten auch die Tage bis Weihnachten bleiben.

Herr Kochergin war von der Hilfsbereitschaft der Menschen hier überwältigt, war traurig, Veronika während seines Aufenthalts noch nicht gefunden zu haben. Er freute sich aber auch, dass wir jetzt Russisch lernen und Kontakt zu einer St. Petersburger Schule pflegen.

Vielleicht findet ja alles doch noch ein gutes Ende, manchmal muss man eben warten können. Wir, die 9A, wünschen es ihm jedenfalls und bedanken und bei allen Helfenden.

Auch die Schüler unserer Geschichts-AG freuten sich, haben sie doch seine vielen Fotos und Dokumente für ihre Arbeit bekommen.

Dass sein Besuch für Aufregung und Erinnerungen sorgte, zeigten viele Reaktionen auf sein Schicksal. Nicht nur er ist auf der Suche nach seiner Vergangenheit, auch einige Deutsche aus unserer Region suchen nach Freunden, die hier gedient haben und plötzlich das Land verlassen mussten. Mit dem Russischen Fernsehen haben wir jedenfalls über unsere Partnerschule in St. Petersburg Kontakt aufgenommen, bleibt ein langer Atem und die Hoffnung auf Erfolg. 

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